Grundlegendes zu Klinischer Sozialarbeit
Autor: H. Pauls
| Was
ist Klinische Sozialarbeit?
Klinische Sozialarbeit ist eine gesundheitsspezifische Fachsozialarbeit ("klinisch" bedeutet "behandelnd"). Ihr generelles Ziel ist die Einbeziehung der sozialen und psycho-sozialen Aspekte in die Beratung, (sozio-) therapeutische Behandlung und psycho-pädagogische Unterstützung von gesundheitlich gefährdeten, erkrankten und (vorübergehend oder dauerhaft) behinderten Menschen. Fokus ist die Person-in-ihrer-Welt (person-in-environment) im Rahmen eines bio-psycho-sozialen Verständnisses von Gesundheit, Störung und Krankheit. In das Leistungsspektrum Klinischer Sozialarbeit gehört u.a.: Psycho-sozial beratende und soziotherapeutisch behandelnde Tätigkeit in Beratungsstellen aller Art, in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, in Kernfeldern der Psychiatrie (psychiatrische Kliniken, Tageskliniken, Wohnheimen) und Sozialpsychiatrie, in Krankenhäusern und Fachkliniken (Kranken-haussozialarbeit) in der Suchtberatung und den verschiedensten Bereichen der Rehabilitation. Hintergrund und Zusammenhang Betrachtet man Forschungsergebnisse zur Gesundheit, so zeigen sich bedeutsame positive Effekte psycho-sozialer Einflussnahme auf den Behandlungsprozess bei unterschiedlichsten psychischen und psycho-sozialen Störungen und Abweichungen, somatischen Erkrankungen sowie bei seelischen, geistigen und körperlichen Behinderungen. Die gesundheitswissenschaftliche Forschung weist in überzeugender Weise auf, dass psycho-soziale Integration und soziale Unterstützung auch die besten Schutzfaktoren vor körperlicher und psychischer Erkrankung und psycho-sozialen Störungen sind. Das bedeutet, soziale Unterstützung und psycho-soziale Integration sind die besten Präventions- und „Heilmittel" zugleich. Bessere (Re-)Integration in die soziale Umgebung und Wiedererlangung psychischen und sozialen Wohlbefindens sind deshalb leitende Zielsetzungen Klinischer Sozialarbeit. Die Gesellschaft wird niemals mit Medikamenten ausgleichen können, was an Störungen und Problemen aus Mangel an sozialer Zuwendung und psycho-sozialem Wohlbefinden entsteht. Die groß angelegte Untersuchung im Auftrag der Krankenkassen zur ambulanten Soziotherapie bei psychisch Kranken im Rahmen eines mehrjährigen Modellversuches hat nachgewiesen, dass jede in die soziotherapeutische Betreuung investierte Mark durch eine drei bis vierfache Einsparung aufgewogen wurde. Es wurden durchschnittlich ca. DM 25.000,- pro Patient eingespart gegenüber der Vergleichsgruppe ohne Soziotherapie (Melchinger, 1999). Es lohnt sich somit in jeder Hinsicht, gemäß Auftrag der WHO bei Gesundheit und Krankheit das körperliche, das seelische und das soziale Wohlbefinden gleichrangig ernst zu nehmen. Wenn der gestörte, kranke oder behinderte Mensch in seinem Lebenskontext der Hilfe bedarf, dann gehört die klinisch qualifizierte Sozialarbeit in die Reihe der beratenden und behandelnden Disziplinen. Deshalb wird es Zeit, dass konkrete Schritte in Richtung der beruflichen Profilierung der Klinischen Sozialarbeit erfolgen. Die Zentralstelle für Klinische Sozialarbeit (ZKS) vollzieht mit der Zertifizierung und Akkreditierung qualifizierter Sozialarbeiterinnen/-pädagoginnen bzw. Sozialarbeiter/-pädagogen als „FachsozialarbeiterIn für Klinische Sozialarbeit (ZKS)" bzw. „Clinical Social Worker (ZKS)" einen entscheidenden Schritt. Was bedeutet der Titel Klinische Sozialarbeit? Klinische Sozialarbeit markiert einen Anspruch auf Expertentum für psycho-soziale Beratung, Behandlung und Intervention in den klinischen Arbeitsfeldern bzw. bei klinischen Aufgabenstellungen Sozialer Arbeit, insbesondere im Gesundheitswesen. Klinische SozialarbeiterInnen treten neben die ExpertInnen der etablierten behandelnden Disziplinen und die ExpertInnen der „neuen Gesundheitsberufe" und werden für die Herstellung von Zusammenhängen, für die Zusammenführung von Wissensbeständen zur sozialen Behandlung und Beratung zuständig. Sie machen auf komplexe Interaktionen innerhalb der Gesundheits- und Sozialsysteme und zwischen ihnen aufmerksam. Sie tragen dem prozessualen Charakter von Behandlungsprozessen Rechnung. Sie beachten den einzelnen erlebenden, handelnden und leidenden Menschen (Klienten, Patienten) in seiner Welt. Die Klinische Sozialarbeit ist in der heutigen biologisch-somatisch spezialisierten Medizin und in der sich immer enger störungsspezifisch spezialisierenden Kassenpsychotherapie die Disziplin, die den „sozialen Menschen" mit seinen Krankheiten, Behinderungen und psycho-sozialen Belastungen in und mit seinem Umfeld berät, behandelt und begleitet: mit seiner Biographie, in seiner Familie, unter Einbezug seiner Arbeitswelt, seinen Freunden, Verwandten und Nachbarn, seiner ökonomischen Situation und in vernetzter gemeindenaher Kooperation. Generelles Ziel Klinischer Sozialarbeit ist die Einbeziehung der sozialen und psycho-sozialen Aspekte in die Beratung, Behandlung und Unterstützung von gesundheitlich gefährdeten, erkrankten und (vorübergehend oder dauerhaft) behinderten Menschen mit dem Ziel der sozialen Integration. Sie wirkt einer Verengung der Gesundheitsarbeit auf ausschließlich somatische (Medizin) und psychische Aspekte (Psychotherapie) ebenso entgegen wie einer Verengung bzw. Reduzierung der Sozialarbeit bei klinischen Aufgabenstellungen auf organisatorische, rechtliche, disziplinarische und/oder rein erzieherische Maßnahmen. Klinische Sozialarbeit ist eine dringend notwendige fachliche Spezialisierung und Profilierung der Sozialarbeit, die auf die enorm gewachsenen wissenschaftlichen Fortschritte und die fachlichen Anforderungen in den entsprechenden Arbeitsfeldern antwortet. Die Zahl der Arbeitsstellen von Sozialarbeitern mit klinischen Aufgabenstellungen macht bereits heute ungefähr ein Drittel aller Arbeitsplätze dieses Berufsstandes aus. Klinische Sozialarbeit gewinnt immer mehr an Bedeutung, wie z.B. die erstmalige Verankerung von "Soziotherapie" - ein Teilbereich Klinischer Sozialarbeit - als Regelleistung der Krankenversorgung im Gesundheitsstrukturgesetz zeigt. Die Bedeutung dieser im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse zu vollziehenden Entwicklungen haben inzwischen auch die Fach- und Berufsverbände der Sozialarbeit erkannt. So fordern die Deutsche Gesellschaft für Sozialarbeit (DGS), und die Deutsche Vereinigung für den Sozialdienst im Krankenhaus (DVSK) die auch an der internationalen Situation orientierte Schaffung der fachlichen Spezialisierung "Klinische Sozialarbeit" (siehe Aufruf des „Arbeitskreises Gesundheit" der Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit). Klinische Sozialarbeit im internationalen Vergleich Die Clinical Social Work wurzelt in den USA methodisch im Ansatz des Case-Work der zwanziger Jahre. In den sechziger Jahren machten sich mehr und mehr Sozialarbeiter/-innen selbstständig und gründeten auf die Behandlung von gestörten Menschen spezialisierte Praxen. Es entstanden Initiativen zur Schaffung eigener Berufsvereinigungen für im klinischen Bereich arbeitende Sozialarbeiter. 1971 wurde schliesslich die National Federation of Societies for Clinical Social Work (NFSCSW) gegründet. 1978 erfolgte die Anerkennung der Clinical Social Work durch die National Association of Social Work als eigene spezialisierte Profession. Richtlinien für die Ausbildung und die Praxis wurden festgelegt. In den USA ist die Klinische Sozialarbeit somit seit beinahe dreissig Jahren ein eigener anerkannter Bereich der therapeutischen und behandelnden Sozialarbeit, mit eigener Ausbildung, Master-Abschluss an Universitäten und Promotionsmöglichkeit. Lizensierte bzw. diplomierte Klinische Sozialarbeiter können sich in freier Praxis niederlassen und ihre Leistungen mit Krankenversicherungen abrechnen. Es gibt die eigene Fachzeitschrift "Clinical Social Work Journal". In Deutschland gibt es professionelle Soziale Arbeit in klinischen Arbeitsfeldern ebenfalls seit langem. Es geht aber nicht um eine einfache Übertragung der US-amerikanischen Konzeption, da schon die Gesundheitssysteme nicht vergleichbar sind. Zur Entwicklung der Klinischen Sozialarbeit als fachliche Spezialisierung in Deutschland gilt es, die vorhandenen Einsatzgebiete neu zu verstehen und aus dem einheitlichen Ansatz der Klinischen Sozialarbeit heraus fachwissenschaftlich und berufspolitisch neu zu profilieren.
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