Grundlegendes zur Klinischen Sozialarbeit

von Helmut Pauls 2011

Was ist Klinische Sozialarbeit?

Klinische Sozialarbeit ist eine gesundheitsspezifische Fachsozialarbeit ("klinisch" bedeutet "behandelnd"). Ihr generelles Ziel ist die Einbeziehung der sozialen und psycho-sozialen Aspekte in die Beratung, (sozio-) therapeutische Behandlung und psycho-pädagogische Unterstützung von gesundheitlich gefährdeten, erkrankten und (vorübergehend oder dauerhaft) behinderten Menschen. Fokus ist die Person-in-ihrer-Welt (person-in-environment) im Rahmen eines bio-psycho-sozialen Verständnisses von Gesundheit, Störung und Krankheit. In das Leistungsspektrum Klinischer Sozialarbeit gehört u.a.: Psycho-sozial beratende und soziotherapeutisch behandelnde Tätigkeit in Beratungsstellen aller Art, in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, in Kernfeldern der Psychiatrie (psychiatrische Kliniken, Tageskliniken, Wohnheimen) und Sozialpsychiatrie, in Krankenhäusern und Fachkliniken (Krankenhaussozialarbeit) in der Suchtberatung und den verschiedensten Bereichen der Rehabilitation.

Die Klinische Sozialarbeit hat seit der Gründung der ZKS im deutschsprachigen Raum eine erfreuliche Entwicklung genommen. An Hochschulen, in der Berufpraxis, bei Trägern und Einrichtungen, im Rahmen von Veröffentlichungen und Forschungsprojekten und auch auf verbandlicher und institutioneller Ebene gibt es inzwischen viele Fachkräfte, die sich mit dieser Fachsozialarbeit befassen und sie vertreten. Der seit 2001 an der Hochschule Coburg laufende berufsbegleitende Masterstudiengang Klinische Sozialarbeit, der seit 2003 in Kooperation mit der Alice-Salomon Hochschule Berlin durchgeführt und weiter entwickelt wird, steht inzwischen in einer Reihe von vergleichbaren Studiengängen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Auch Bachelor-Profile wenden sich klinischen Spezialisierungen zu. Auch in konsekutiven Masterstudiengängen hat die Klinische Sozialarbeit Fuß gefasst, so z.B. als Vertiefung im konsekutiven Masterstudiengang Soziale Arbeit an der Hochschule Coburg.

Hintergrund und Zusammenhang

Betrachtet man Forschungsergebnisse zur Gesundheit, so zeigen sich bedeutsame positive Effekte psycho-sozialer Einflussnahme auf den Behandlungsprozess bei unterschiedlichsten psychischen und psycho-sozialen Störungen und Abweichungen, somatischen Erkrankungen sowie bei seelischen, geistigen und körperlichen Behinderungen. Die gesundheitswissenschaftliche Forschung weist in überzeugender Weise auf, dass psycho-soziale Integration und soziale Unterstützung auch die besten Schutzfaktoren vor körperlicher und psychischer Erkrankung und psycho-sozialen Störungen sind. Das bedeutet, soziale Unterstützung und psycho-soziale Integration sind die besten Präventions- und „Heilmittel" zugleich. Bessere (Re-)Integration in die soziale Umgebung und Wiedererlangung psychischen und sozialen Wohlbefindens sind deshalb leitende Zielsetzungen Klinischer Sozialarbeit. Die Gesellschaft wird niemals mit Medikamenten ausgleichen können, was an Störungen und Problemen aus Mangel an sozialer Zuwendung und psycho-sozialem Wohlbefinden entsteht. Die groß angelegte Untersuchung im Auftrag der Krankenkassen zur ambulanten Soziotherapie bei psychisch Kranken im Rahmen eines mehrjährigen Modellversuches hat nachgewiesen, dass jede in die soziotherapeutische Betreuung investierte Mark durch eine drei bis vierfache Einsparung aufgewogen wurde. Es wurden durchschnittlich ca. DM 25.000,- pro Patient eingespart gegenüber der Vergleichsgruppe ohne Soziotherapie (Melchinger, 1999). Es lohnt sich somit in jeder Hinsicht, gemäß Auftrag der WHO bei Gesundheit und Krankheit das körperliche, das seelische und das soziale Wohlbefinden gleichrangig ernst zu nehmen. Wenn der gestörte, kranke oder behinderte Mensch in seinem Lebenskontext der Hilfe bedarf, dann gehört die klinisch qualifizierte Sozialarbeit in die Reihe der beratenden und behandelnden Disziplinen.

         

Was bedeutet der Titel Klinische Sozialarbeit?

Klinische Sozialarbeit markiert einen Anspruch auf Expertentum für psycho-soziale Beratung, Behandlung und Intervention in vielen Arbeitsfeldern bei klinischen (= beraterischen und (sozial-)therapeutischen) Aufgabenstellungen Sozialer Arbeit. Klinische SozialarbeiterInnen treten neben die ExpertInnen der etablierten behandelnden Disziplinen (Psychologie, Psychotherapie, Medizin) und werden für die Herstellung von Zusammenhängen, für die Zusammenführung von Wissensbeständen zur sozialen Behandlung und Beratung zuständig. Sie machen auf komplexe Interaktionen innerhalb der Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitssysteme und zwischen ihnen aufmerksam. Sie tragen dem prozessualen Charakter von Beratungs- und Behandlungsprozessen Rechnung. Sie beachten den einzelnen erlebenden, handelnden und leidenden Menschen (Klienten, Patienten) in seiner Welt. Die Klinische Sozialarbeit ist in der heutigen biologisch-somatisch spezialisierten Medizin und in der sich immer enger störungsspezifisch spezialisierenden Kassenpsychotherapie die Disziplin, die den „sozialen Menschen" mit seinen Krankheiten, Behinderungen und psycho-sozialen Belastungen in und mit seinem Umfeld berät, behandelt und begleitet: mit seiner Biographie, in seiner Familie, unter Einbezug seiner Arbeitswelt, seinen Freunden, Verwandten und Nachbarn, seiner ökonomischen Situation und in vernetzter gemeindenaher Kooperation.

Generelles Ziel Klinischer Sozialarbeit ist die Einbeziehung der sozialen und psycho-sozialen Aspekte in die Beratung, Behandlung und Unterstützung von gesundheitlich gefährdeten, erkrankten und (vorübergehend oder dauerhaft) behinderten Menschen mit dem Ziel der sozialen Integration. Sie wirkt einer Verengung der Gesundheitsarbeit auf ausschließlich somatische (Medizin) und psychische Aspekte (Psychotherapie) ebenso entgegen wie einer Verengung bzw. Reduzierung der Sozialarbeit bei klinischen Aufgabenstellungen auf organisatorische, rechtliche, disziplinarische und/oder rein erzieherische Maßnahmen. Klinische Sozialarbeit ist eine dringend notwendige fachliche Spezialisierung und Profilierung der Sozialarbeit, die auf die enorm gewachsenen wissenschaftlichen Fortschritte und die fachlichen Anforderungen in den entsprechenden Arbeitsfeldern antwortet. Die Zahl der Arbeitsstellen von Sozialarbeitern mit klinischen Aufgabenstellungen macht bereits heute ungefähr ein Drittel aller Arbeitsplätze dieses Berufsstandes aus. Klinische Sozialarbeit gewinnt immer mehr an Bedeutung, wie z.B. die erstmalige Verankerung von "Soziotherapie" - ein Teilbereich Klinischer Sozialarbeit - als Regelleistung der Krankenversorgung im Gesundheitsstrukturgesetz zeigt. Die Bedeutung dieser im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse zu vollziehenden Entwicklungen fördert die inzwischen weitgehend anerkannte Position der Klinischen Sozialarbeit als „Fachsozialarbeit“.

Die Zentralstelle für Klinische Sozialarbeit (ZKS) markiert mit der Zertifizierung qualifizierter Sozialarbeiterinnen/-pädagoginnen bzw. Sozialarbeiter/-pädagogen als „FachsozialarbeiterIn für Klinische Sozialarbeit (ZKS)" bzw. „Clinical Social Worker (ZKS)" einen entscheidenden Schritt der beruflichen Profilierung der Klinischen Sozialarbeit.

         

Klinische Sozialarbeit im internationalen Vergleich

Die Clinical Social Work wurzelt in den USA methodisch im Ansatz des Case-Work der zwanziger Jahre. In den sechziger Jahren machten sich mehr und mehr Sozialarbeiter/-innen selbstständig und gründeten auf die Behandlung von gestörten Menschen spezialisierte Praxen. Es entstanden Initiativen zur Schaffung eigener Berufsvereinigungen für im klinischen Bereich arbeitende Sozialarbeiter. 1971 wurde schliesslich die National Federation of Societies for Clinical Social Work (NFSCSW) gegründet. 1978 erfolgte die Anerkennung der Clinical Social Work durch die National Association of Social Work als eigene spezialisierte Profession. Richtlinien für die Ausbildung und die Praxis wurden festgelegt. Das 1987 gegründete American Board of Examiners in Clinical Social Work (ABE) zertifiziert als nationale Zertifizierungsagentur Klinische Sozialarbeiter als „Board Certified Diplomate in Clinical Social Work (BCD)“. Diese Fachkräfte erwerben die Anerkennung aufgrund der Erfüllung strenger Kriterrien hinsichtlich ihrer Aus- und Weiterbildung unter Supervision sowie ihrer Praxiserfahrungen im Rahmen einschlägiger Tätigkeiten in der Gesundheitsversorgung, insbesondere der „mental health care“. Viele Clinical Social Worker haben diese hohe Qualifikation des „advanced“ Clinical Social Worker. Sie sind staatlich lizensiert und zugelassen zur Behandlung von bio-psycho-sozialen Störungen (assess, diagnose, and treat)(Graziano, 2006). Mittlerweile hat sich in den USA die berufspolitische Landschaft weiter entwickelt. Die "Clinical Social Work Federation" hat (www.cswf.org) einen relaunch als "Clinical Social Work Association" hinter sich (CSWA; siehe http://www.clinicalsocialworkassociation.org). Als non-profit Organisation ist sie berufspolitisch auf nationaler und bundesstaatlicher Ebene aktiv und fördert die Forschung. Die State Societies der ehemaligen Clinical Social Work Federation befinden sich nun zum Teil bei der Clinical Social Work Association und zum Teil beim Center for Clinical Social Work (http://www.centercsw.org) in dem heute das American Board of Examiners integriert ist.

In den USA ist die Klinische Sozialarbeit somit seit beinahe dreissig Jahren ein eigener anerkannter Bereich der therapeutischen und behandelnden Sozialarbeit, mit eigener Ausbildung, Master-Abschluss an Universitäten und Promotionsmöglichkeit. Lizensierte bzw. diplomierte Klinische Sozialarbeiter können sich in freier Praxis niederlassen und ihre Leistungen mit Krankenversicherungen abrechnen. Es gibt die eigene Fachzeitschrift "Clinical Social Work Journal". In Deutschland gibt es professionelle Soziale Arbeit in klinischen Arbeitsfeldern ebenfalls seit langem. Es geht aber nicht um eine einfache Übertragung der US-amerikanischen Konzeption, da schon die Gesundheitssysteme nicht vergleichbar sind. Die Klinische Sozialarbeit als fachliche Spezialisierung in Deutschland profiliert die vorhandenen Einsatzgebiete fachwissenschaftlich und berufspolitisch neu.